Nonverbale Kommunikation in Deiner neurodiversen Partnerschaft mit Autismus (Teil 2): Das sind die spürbaren Folgen für eure Beziehung!

Lesedauer: 9 Minuten

Dieser Blogartikel ist der 2. Teil der Artikel-Serie „Nonverbale Kommunikation in Deiner neurodiversen Partnerschaft mit Autismus“.
Den 1. Teil „Das ist der wahre Grund für eure wiederkehrenden Missverständnisse!“ kannst Du hier lesen
.

In neurodiversen Paarbeziehungen berichten häufig sowohl der autistische Partner als auch die neurotypische Partnerin darüber, dass der jeweils andere die eigene nonverbale Kommunikation in vielen Momenten nicht zutreffend deuten kann.

Kennst Du das auch, dass Dein autistischer Partner und Du nonverbale Signale ganz unterschiedlich einsetzen und manchmal die Signale des anderen ganz anders verstehen, als sie eigentlich gemeint waren?

Hat einer oder beide Partner in einer Liebesbeziehung Schwierigkeiten damit, die nonverbale Kommunikation des anderen richtig zu interpretieren, kann das eine Vielzahl an Herausforderungen in der Beziehung mit sich bringen.

In diesem Blogartikel erfährst Du, welche spürbaren Folgen für eure Partnerschaft das genau sein können.

Folge #1: Falsche Annahmen darüber, was den anderen innerlich bewegt

Wenn man die nonverbalen (bzw. häufig auch die ausbleibenden nonverbalen) Signale autistischer Menschen mit neurotypischem Blick betrachtet und vor dem Hintergrund neurotypischer Kommunikationsformen bewertet, ist es nicht unwahrscheinlich, dass man zu falschen Annahmen kommt. 

Das neurotypische Gehirn tendiert dazu, ständig und ganz automatisch all die nonverbalen und emotionalen Informationen des Gegenübers ganz intuitiv zu erfassen und zu bewerten.

Schickt das Gegenüber jedoch – wie bei autistischen Menschen – eher wenig oder ganz andere nonverbale Botschaften als erwartet, werden auch diese automatisch interpretiert. Jedoch häufig mit nicht zutreffendem Ergebnis.

Dein nichtautistisches Gehirn versucht also dauernd herauszufinden, was die Signale und das Verhalten Deines autistischen Partners eigentlich bedeuten.

Auch Dein autistischer Partner formt vermutlich Annahmen über Deinen Gefühlszustand sowie Deine Motive, Absichten, Wünsche und Ziele. Er tut das jedoch sehr bewusst und anhand seiner Logik. Weil er aber – im Gegensatz zu Dir – nicht über eine soziale Intuition verfügt, die all die nonverbalen Signale für ihn ganz automatisch interpretiert, kann auch er zu fehlerhaften Annahmen kommen.

Sehr wahrscheinlich hat er außerdem Schwierigkeiten damit, sich gedanklich in Deine Position hineinzuversetzen, und fragt bei Unsicherheit vermutlich auch selten nach. Beides kann falsche Interpretationen zusätzlich fördern.

"Mit anderen Augen"

Deinen autistischen Partner, Dich selbst und eure Paardynamik besser verstehen lernen?

In Deiner Beziehung endlich wieder glücklich sein?

Mein Selbsthilfeprogramm für neurotypische Partnerinnen unterstützt Dich dabei!

Vorschau: Selbsthilfeprogramm: Mit anderen Augen

Folge #2: Häufige und intensive unangenehme Gefühle wie Kränkung, Ärger oder Einsamkeit

Nichtautistische Menschen kommunizieren sehr viele ihrer Anliegen nonverbal, wahrscheinlich auch Du:

  • Du schließt die Tür vor Wut deutlich heftiger und lauter als sonst.

Die Botschaft: „Ich ärgere mich gerade über Dein Verhalten!“

  • Du seufzt vor Erschöpfung.

Die Botschaft: „Bitte frag mich, wie es mir geht, und unterstütze mich emotional und praktisch.“

  • Du liest gerade eine Zeitschrift, schaust auf und winkst Deinen autistischen Partner mit begeistertem Gesicht zu Dir heran.

Die Botschaft: „Schau mal, was ich gerade Spannendes gelesen habe!“

Es kann sehr gut sein, dass Dein autistischer Partner auf keines dieser (nonverbalen) Kommunikationssignale reagiert.

Weil Du nämlich in seiner Wahrnehmung überhaupt nicht mit ihm kommuniziert hast! Bei ihm ist keine Deiner Botschaften angekommen.

Das bedeutet: Weil Dein autistischer Partner Schwierigkeiten hat, Dich automatisch zu lesen, und es vermutlich auch für Dich herausfordernd ist, Deinen autistischen Partner immer korrekt zu lesen, passiert vor allem eines:

Ihr beide verpasst – ganz ohne es zu wollen und ohne jegliche böse Absicht – in eurer neurodiversen Partnerschaft ganz viele Chancen, zum Beispiel:

  • die Chance, ein Kontaktangebot des Partners anzunehmen.

Die Einladung, sich mit dem anderen emotional zu verbinden, wird einfach nicht wahrgenommen.

  • die Chance, für den anderen in emotional herausfordernden Situationen da zu sein und ihn zu unterstützen.

Der nonverbale „Ruf“ nach emotionaler Unterstützung wird nicht bemerkt.

  • die Chance, sich für ungewollte Kränkungen und Verletzungen (zeitnah und von sich aus) zu entschuldigen.

Die Verletzung des anderen (und dass man selbst daran beteiligt sein könnte) wird gar nicht gesehen.

All diese Anfragen

  • nach Kontakt,
  • nach Unterstützung und Hilfe,
  • nach Entschuldigung und Wiedergutmachung und vielleicht auch nach Klärung

bleiben völlig unbemerkt und damit auch unbeantwortet.

Denn: Was man nicht wahrnimmt, darauf kann man auch nicht regieren!

In der Folge fühlen sich neurotypische Partnerinnen häufig nicht gesehen, nicht wahrgenommen, allein gelassen und einsam.

Autistische Partner berichten häufiger davon, falsch gelesen zu werden. Ihre nonverbalen Signale würden oft als unbeteiligt oder gleichgültig, als unfreundlich oder aggressiv wahrgenommen. Dies entspräche oft überhaupt nicht ihrem inneren Gefühlszustand.

Sie fühlen sich durch diese „falschen Unterstellungen“, die in der Regel von der Partnerin geäußert werden, oft missverstanden, ungerecht behandelt, gestresst und genervt.

Du vermutest, dass Dein Partner Autist sein könnte? Du weißt aber nicht, ob und wie Du es ansprechen sollst?

Melde Dich für 14-tägige E-Mails mit Informationen zu neurodiversen Partnerschaften, Angeboten und den neuesten Blog-Beiträgen an und lass Dir Dein kostenloses E-Book zu diesem Thema direkt in Dein Postfach schicken.

Du kannst dich jederzeit abmelden. Weitere Informationen findest du in der Datenschutzerklärung.

freebie

Folge #3: Viele, viele kleine Missverständnisse

Haben beide Partner in einer Liebesbeziehung manchmal Schwierigkeiten damit, die nonverbale (und nicht selten auch verbale, siehe diesen Blogartikel) Kommunikation des anderen richtig zu lesen, kommt es nachvollziehbarerweise häufig zu Missverständnissen.

Tatsächlich ist es in den meisten Fällen gar nicht dieses eine große Missverständnis, das zu Konflikten führt und Paare lange beschäftigt bzw. belastet.

Es ist vielmehr die Summe vieler kleiner Situationen und Interaktionen.

Die Summe all der ignorierten Kontaktangebote.

Die Summe all der nicht ausgesprochenen Entschuldigungen.

Die Summe all der ausbleibenden Unterstützungs- und Hilfsangebote.

Jeden Tag. Jede Woche. Über Monate hinweg. Häufig über Jahre.

Viele neurotypische Partnerinnen beschreiben es so:

„Es ist so schwer, das in Worte zu fassen. Wenn man seinen Freundinnen einzelne Situationen aus dem Paaralltag erzählt, dann klingt das alles nicht dramatisch. Diese Probleme kennen andere auch. ‚Ist doch ganz normal‘, sagen sie. Das, was fehlt, ist im Einzelnen so subtil. Aber wenn es sich über Monate und Jahre aufsummiert, ist es am Ende doch so mächtig.“

Was die emotionale Wirkung dieser Missverständnisse so groß macht, ist außerdem, dass sie nicht immer direkt bemerkt werden. Doch was nicht bemerkt wird, kann auch nicht zeitnah geklärt und aus der Welt geschafft werden.

Stattdessen stellt sich erst im Nachhinein und oft rein zufällig heraus, dass in einer bestimmten Situation in der Vergangenheit wohl ein Missverständnis vorgelegen haben muss. Das führt dazu, dass beide Partner lange Zeit mit falschen Annahmen über die Bedeutung des Geschehenen leben. Dadurch können entsprechende Gefühle von Ärger, Groll, Enttäuschung oder Kränkung ihre negative Wirkung in den Partnern selbst und in ihrer Beziehung zueinander über eine lange Zeit entfalten. Beide Partner entfremden sich immer mehr voneinander.

"Autismus in der Partnerschaft von A bis Z"

Das Buch für Deinen Beziehungsalltag

Konzepte, Impulsfragen, Tipps & Tools für Dich als neurotypische Partnerin

Vorschau: Selbsthilfeprogramm: Mit anderen Augen

Folge #4: Wichtige psychologische Bedürfnisse bleiben unerfüllt

Obwohl Gefühle wie Ärger, Einsamkeit oder Kränkung wirklich unangenehm sein können, haben sie für uns Menschen eine wesentliche Funktion:

Sie informieren uns darüber, dass wichtige psychologische Bedürfnisse noch nicht erfüllt sind, aber befriedigt werden sollten.

Ärger weist uns (und normalerweise auch unser Umfeld) darauf hin, dass unser Bedürfnis nach Respekt, Selbstständigkeit oder Selbstbehauptung verletzt wurde.

Ärger hilft dabei, uns für unsere eigenen Grenzen und Bedürfnisse einzusetzen.

Könnte Einsamkeit sprechen, würde sie sagen:

„Ich brauche Kontakt, Nähe, Vertrautheit, Zugehörigkeit, Gemeinschaft, Austausch und Geborgenheit!“

Enttäuschung zeigt uns und anderen, dass unser Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, Anerkennung und Verbundenheit, Verlässlichkeit, Vertrauen oder Sicherheit verletzt wurde.

Auch Kränkung ist ein Hinweis darauf, dass unsere Bedürfnisse nach Aufmerksamkeit und Anerkennung nicht erfüllt sind.

Je länger körperliche und psychologische Grundbedürfnisse nicht erfüllt werden, desto lauter beginnen sie, sich bemerkbar zu machen!

Du hast stundenlang nichts getrunken oder gegessen?

Dann hast Du richtig starken Durst, oder Dein Magen hängt Dir in den Kniekehlen!

Dein autistischer Partner und Du, ihr beide habt schon seit Monaten nichts mehr gemeinsam als Paar unternommen, obwohl Du ihn immer wieder daran erinnerst und motivierst?

Dann bist Du sicher enttäuscht!

Du hast schon seit langer Zeit das Gefühl, dass Du in den Dingen, die Dich emotional beschäftigen, von Deinem autistischen Partner nicht verstanden wirst?

Dann fühlst Du Dich bestimmt sehr einsam!

Deine Gefühle von Einsamkeit, Erschöpfung und Enttäuschung werden immer stärker.

Und weil Du immer wieder den Eindruck bekommst, in Deinen Wünschen und Bedürfnissen in Deiner Partnerschaft nicht gesehen und ernst genommen zu werden, kommt auch immer öfter Ärger auf.

Auch Dein autistischer Partner erlebt vermutlich häufig, dass seine Bedürfnisse nicht erfüllt werden, weil seine nonverbale Kommunikation vom Großteil seiner Mitmenschen nicht intuitiv verstanden wird.

Während sich diese Erfahrung bei Dir sehr wahrscheinlich auf Deine Liebesbeziehung beschränkt, erfährt Dein autistischer Partner das vermutlich in fast all seinen alltäglichen Interaktionen: nicht nur in der Partnerschaft, auch bei der Arbeit, beim Einkaufen oder beim Arzt.

Dein autistischer Partner erlebt nur selten, dass er in seinen Gefühlen und Bedürfnissen wirklich verstanden wird. Die Gefahr, dass seine wichtigsten Bedürfnisse dauerhaft nicht erfüllt werden und er keine Unterstützung bekommt, falls er sie benötigt, ist groß.

Das liegt daran, dass die Aufmerksamkeit neurotypischer Menschen oft durch die autistische Art und Weise, Gefühle nonverbal auszudrücken, nicht automatisch angesprochen wird. Wie sich die autistische von der nichtautistischen nonverbalen Kommunikation unterscheidet, kannst Du in Teil 1 dieser Artikel-Serie nachlesen: zum Lesen hier klicken.

Was macht Deinen autistischen Partner so besonders?

Melde Dich für 14-tägige E-Mails mit Informationen zu neurodiversen Partnerschaften, Angeboten und den neuesten Blog-Beiträgen an und lass Dir Dein kostenloses E-Book zu diesem Thema direkt in Dein Postfach schicken.

Du kannst dich jederzeit abmelden. Weitere Informationen findest du in der Datenschutzerklärung.

freebie

Folge #5: Konflikte und Eskalationen

Deine Unzufriedenheit und Dein Ärger über den Verlauf Deiner Partnerschaft werden mit der Zeit möglicherweise immer stärker: Der Ärger sammelt sich an, staut sich auf und wird immer mehr zu Groll.

Dein autistischer Partner spürt vermutlich sehr genau, dass Du aus irgendeinem Grund angespannt, gereizt oder ärgerlich bist. Viele autistische Partner können diese Gefühle jedoch nicht einordnen und treffen eigene Annahmen darüber, warum die Partnerin sich so „komisch“ verhält1.

Diese Annahmen treffen jedoch häufig nicht zu (siehe Folge #1: Falsche Annahmen darüber, was den anderen innerlich bewegt). Emotionale Gespräche werden vermieden, deshalb werden diese Annahmen auch nicht überprüft. Dein autistischer Partner fragt Dich also nicht, was eigentlich mit Dir los ist, sondern zieht sich einfach zurück.

Dieser emotionale (und oft auch physische) Rückzug führt natürlich dazu, dass die partnerschaftlichen Bedürfnisse der neurotypischen Partnerin noch weniger erfüllt werden und die neurotypische Partnerin in ihren (dann auch verbalen) Aussagen immer deutlicher, vehementer und emotionaler wird.

Dann folgen häufig Vorwürfe wie:

  • „Du verbringst keine Zeit mit mir!“
  • „Du beschäftigst Dich immer nur mit Deiner Arbeit oder Deinem Spezialinteresse.“
  • „Du sprichst kaum mit mir. Du berührst mich nicht.“

Für Deinen autistischen Partner kommen diese Vorwürfe und Deine sehr intensiven unangenehmen Gefühle (die plötzlich gegen ihn gerichtet scheinen) vermutlich aus dem Nichts.

Er sieht Deine Gefühle nicht kommen, für ihn sind sie von 0 auf 100 plötzlich da.

Manche neurotypischen Partner berichten, ihrem autistischen Partner gelänge es zwar schon, ihre Gefühle nonverbal zu erkennen. Allerdings erst, wenn diese bereits sehr stark ausgeprägt seien.

So bemerke der autistische Partner beispielsweise erst, dass die neurotypische Partnerin sehr ärgerlich sei, wenn diese sich subjektiv bereits bei 90 % Ärger-Intensität befände. Zu diesem Zeitpunkt ist natürlich eine Gegenregulation sowohl innerlich durch die Partnerin selbst als auch durch den autistischen Partner von außen sehr herausfordernd.

Fragt man autistische Partner, worunter sie in ihrer Beziehung am meisten leiden, berichten die meisten, sie hätten den Eindruck, andauernd von ihrer Partnerin kritisiert zu werden.

Das kann einerseits daran liegen, dass die Partnerin tatsächlich umso mehr kritisiert, je stärker ihre Unzufriedenheit mit der Beziehung wird – in der Hoffnung, dadurch eine Verhaltensveränderung in die gewünschte Richtung zu erwirken. Es kann jedoch unter anderem auch daran liegen, dass der autistische Partner Schwierigkeiten damit hat, die nonverbale Kommunikation seiner Partnerin wahrzunehmen, wodurch die als kritisch erlebten Worte abgemildert und relativiert werden (siehe Teil 1 dieser Artikel-Serie, zum Lesen hier klicken).

Folge #6: Unsicherheit und innere Alarmbereitschaft

Diese Konsequenz betrifft insbesondere Dich als neurotypische Partnerin:

Offensichtlich bist Du gerade dabei, Dich über Autismus in der Partnerschaft zu informieren. Vielleicht erst seit Kurzem, vielleicht schon seit längerer Zeit.

Selbst wenn Du nun weißt, dass Dein autistischer Partner nonverbale Kommunikation ganz anders einsetzt als Du, ist Dein Gehirn immer noch nichtautistisch und wird es auch bleiben.

Das bedeutet: Du wirst das Verhalten Deines autistischen Partners – trotz all Deines Wissens und auch bei größtem Bemühen – in den allerersten Millisekunden immer nichtautistisch wahrnehmen und interpretieren.

Die Diskrepanz zwischen dem, was Du neurotypischerweise von Deinem Gegenüber erwartest, und dem, was Du in der Realität erlebst, wird immer zu einer Diskrepanz führen. Und somit auch zu einem (mindestens) kurzen Moment der Irritation.

Passt das, was Dein autistischer Partner sagt, nicht zu dem, was seine Mimik, Gestik und Körpersprache (vermeintlich) kommunizieren, kann Dich diese Diskrepanz sogar innerlich in Alarmbereitschaft versetzen. 

Weil Dein Gehirn Dir automatisch sagt: „Das passt doch nicht zusammen! Irgendetwas ist hier nicht in Ordnung!“

Und bei den allermeisten anderen nichtautistischen Menschen läge Dein Gehirn damit ja auch komplett richtig!

Bei Deinem autistischen Partner bedeutet diese Diskrepanz jedoch nicht zwangsläufig, dass etwas nicht in Ordnung ist. Sie weist einfach darauf hin, dass er nonverbal anders kommuniziert als neurotypische Menschen bzw. dass er vielleicht gerade weniger Masking betreibt, also nicht so stark versucht, seine autistische nonverbale Ausdrucksweise zu unterdrücken und an neurotypische Erwartungen anzupassen.

Folge #7: Ständige Überforderung und Verwirrung

Diese Folge betrifft Deinen autistischen Partner:

Dein autistischer Partner versucht, all die von Dir verbal und nonverbal kommunizierten Inhalte mithilfe seines Verstandes logisch zu priorisieren, zu ordnen, zu analysieren und zu deuten.

Das kann für ihn auf Dauer sehr überfordernd, verwirrend und in der Konsequenz auch sehr anstrengend sein.

Folge #8: Camouflaging bzw. Masking mit all den negativen Konsequenzen

Auch diese Folge betrifft Deinen autistischen Partner:

Nicht wenige autistische Menschen bekommen im Laufe ihres Lebens häufig negatives Feedback zu ihrer nonverbalen Kommunikation:

  • Man wisse nie, was in ihnen vorgeht.
  • Sie wirkten immer so ärgerlich.
  • Sie seien häufig so unbeteiligt.
  • Sie hätten nur wenige Emotionen.

Viele autistische Menschen strengen sich deshalb sehr an, überwachen ihre eigene nonverbale Kommunikation ständig und passen diese an neurotypische Standards an. Sie wollen im sozialen Kontakt weder so stark anecken noch ihr Gegenüber irritieren oder verärgern.

Autistische Menschen müssen sich also immer wieder entscheiden: Entweder sie lösen bei ihrem neurotypischen Gegenüber Irritation, Ärger oder Kränkung aus oder passen sich an äußere Erwartungen an und nutzen Camouflaging bzw. Masking.

Camouflaging (französisch für ‚Verschleierung‘) ist ein Begriff für Verhaltensweisen, die dazu dienen, nicht unangenehm aufzufallen, während man versucht, sich in ein soziales Umfeld einzufügen, zu dem man gehören möchte.

Im Kontext von Autismus beschreibt Camouflaging einen dynamischen Prozess, durch den autistische Menschen ihr angeborenes autistisches soziales Verhalten an das überwiegend neurotypische Umfeld anpassen und versuchen, anhand verschiedener Strategien als ‚neurotypisch‘ wahrgenommen zu werden.

Dieses Camouflaging bzw. Masking kann unfassbar anstrengend sein und langfristig zu den unterschiedlichsten psychischen Problemen führen.

Es hängt nicht nur mit Angst, Depression und allgemein einer geringeren Lebensqualität zusammen2, sondern führt auch dazu, dass Autist*innen sich fragen, was eigentlich ihr wahres, authentisches Selbst ist3. Während man also alles versucht, um sozial nicht negativ aufzufallen, entfernt man sich innerlich immer mehr von sich selbst.

Wie Du nun erfahren hast, können Probleme mit der nonverbalen Kommunikation in Deiner neurodiversen Partnerschaft zu spürbaren Folgen führen:

  • Nicht zutreffende Annahmen über die Absichten, Wünsche und Ziele des Partners werden gebildet.
  • Unangenehme Gefühle wie Enttäuschung, Ärger und Einsamkeit können entstehen.
  • Viele kleine Missverständnisse im Paaralltag summieren sich.
  • Wichtige psychologische Bedürfnisse werden nicht erfüllt.
  • Es kann zu Konflikten und Eskalationen kommen.
  • Die neurotypische Partnerin ist innerlich häufig in Alarmbereitschaft.
  • Der autistische Partner fühlt sich oft überfordert und verwirrt
  • und versucht, die negativen Konsequenzen einer nicht neurotypischen nonverbalen Kommunikation durch Anwendung von Masking (mit all seinen potenziell schädlichen Folgen) zu vermeiden.

Was ihr als Einzelpersonen und als Paar aktiv tun könnt, um euren Partner wirklich zu verstehen und all diese Folgen abzuschwächen, erfährst Du im nächsten Blogartikel!

Quellen

1 Wilson, B. M. (2022). Have they gone nuts? The survival guide to social interaction in neurodiverse (autistic-neurotypical) relationships. Ultimate World Publishing

2 Hull, L., Petrides, K. V., Allison, C., Smith, P., Baron-Cohen, S., Lai, M., & Mandy, W. (2017). „Putting on my best normal”: Social camouflaging in adults with autism spectrum conditions. Journal of Autism and Developmental Disorders, 47(8), 2519–2534

2 Lai, M.-C., Lombardo, M. V., Ruigrok, A. N. V., Chakrabarti, B., Auyeung, B., Szatmari, P., … Consortium, M. A. (2017). Quantifying and exploring camouflaging in men and women with autism. Autism, 21(6), 690–702

3 Bargiela, S., Steward, R., & Mandy, W. (2016). The experiences of late-diagnosed women with autism spectrum conditions: An investigation of the female autism phenotype. Journal of Autism and Developmental Disorders, 46(10), 3281–3294

Hinweis zur Haftung

Der obige Blog-Artikel ist sorgfältig erstellt und geprüft worden. Dennoch erfolgen alle Angaben ohne Gewähr. Für eventuelle Nachteile oder Schäden, die aus den im Blog-Artikel gegebenen Hinweisen resultieren, übernimmt die Autorin keine Haftung.

Hinweis zu inklusiver Sprache
In diesem Artikel verwende ich der Einfachheit halber das Pronomen ‚er‘ für den autistischen Partner und das Pronomen ‚sie‘ für den neurotypischen Partner. Dies bedeutet keinesfalls, dass Männer immer diejenigen mit Autismus sind und Frauen stets die Neurotypischen. Autismus kommt bei beiden Geschlechtern vor und auch neurodiverse Paare können heterosexuelle oder homosexuelle Beziehungen eingehen.
Ähnliche Themen

Was macht Deinen autistischen Partner so besonders?

Melde Dich für 14-tägige E-Mails mit Informationen zu neurodiversen Partnerschaften, Angeboten und den neuesten Blog-Beiträgen an und lass Dir Dein kostenloses E-Book zu diesem Thema direkt in Dein Postfach schicken.

Du kannst dich jederzeit abmelden. Weitere Informationen findest du in der Datenschutzerklärung.

freebie

Hallo, ich bin Sandra Höh!

Als Psychologische Psychotherapeutin und Paarberaterin für neurodiverse Paare berücksichtige ich eure unterschiedlichen neurologischen Profile und gehe individuell auf eure Situation ein, damit ihr hilfreiche und wirksame Lösungen für eure Paarprobleme finden und im Alltag langfristig umsetzen könnt.

Mit der richtigen Information und Unterstützung ist es möglich, eure Unterschiede besser zu verstehen und zu respektieren.

Sandra Höh - Autismus & Partnerschaft