Dieser Blogartikel ist Teil 3 der Artikel-Serie „Nonverbale Kommunikation in Deiner neurodiversen Partnerschaft mit Autismus“.
Den 1. Teil „Das ist der wahre Grund für eure wiederkehrenden Missverständnisse! “ findest Du unter diesem Link.
Den 2. Teil „Das sind die spürbaren Folgen für eure Beziehung!“ kannst Du unter diesem Link lesen.
Deinem autistischen Partner geht es vermutlich wie vielen Menschen mit Autismus: Er muss die nonverbale Kommunikation neurotypischer Personen bewusst wahrnehmen und aktiv deuten – das passiert bei ihm nicht intuitiv. Vielleicht hast auch Du manchmal den Eindruck, die nonverbalen Signale Deines autistischen Partners nicht so zu verstehen, wie er sie eigentlich meint.
Die Schwierigkeit, die nonverbale Kommunikation des Partners intuitiv und zutreffend zu interpretieren, kann zu vielen weiteren Herausforderungen in der Beziehung führen: z. B. zu falschen Annahmen über die Absichten und Wünsche des anderen, zu unerfüllten Bedürfnissen, unangenehmen Gefühlen und vielen Missverständnissen sowie Konflikten im Beziehungsalltag.
Was könnt ihr als Einzelpersonen und als Paar aktiv tun, um euren Partner wirklich richtig zu verstehen und all diese belastenden Folgen missverstandener nonverbaler Signale abzuschwächen? In diesem Blog-Artikel erfährst Du 5 praktische Strategien, um die Missverständnisse zwischen euch deutlich zu reduzieren.
Strategie #1: Macht euch immer wieder bewusst: Euer Gehirn bildet ständig Annahmen, und die können falsch sein!
Unser Gehirn versucht ständig, das Verhalten anderer Menschen irgendwie zu verstehen und sich einen Reim darauf zu machen. Etwas einordnen zu können, gibt uns Menschen Sicherheit, und das fühlt sich gut an.
Alle Menschen treffen ständig Annahmen.
Nichtautistische Gehirne analysieren das Verhalten anderer Menschen ganz automatisiert und intuitiv.
Dieser Automatismus kann dazu führen, dass sich nichtautistische Menschen manchmal gar nicht im Klaren darüber sind, dass sie tatsächlich ständig Annahmen über andere Menschen und deren Verhalten treffen.
Autistische Personen nehmen dieses Einordnen und Verstehen eher logisch-analytisch und ganz bewusst mithilfe ihres Verstandes vor.
Sie sind sich dieser Analyse häufig zwar bewusster, haben aber ebenso wenig immer präsent, dass auch ihr logischer Schluss falsch sein könnte. Haben sie erst einmal eine (aus ihrer Sicht) logische Begründung für das Verhalten des Gegenübers gefunden, können sie manchmal auch sehr rigide an ihrer Interpretation festhalten. Das gibt viel Sicherheit in einer für sie häufig unsicheren (neurotypisch geprägten) Welt.
Halten wir fest:
Sowohl das autistische als auch das nichtautistische Gehirn bildet ständig Annahmen – insbesondere, wenn explizite Informationen fehlen.
Oder wenn Informationen uneindeutig sind. Wie das bei der nonverbalen Kommunikation zwischen autistischen und nichtautistischen Menschen häufig der Fall ist.
Uneindeutige Situationen als Teil des Beziehungsalltags
Stell Dir einmal folgende Situation vor:
Du unterhältst Dich mit Deinem autistischen Partner, und ganz plötzlich sagt er nichts mehr.
Dein Gehirn „präsentiert“ Dir vermutlich sofort mögliche Interpretationen dieses Schweigens:
Vielleicht weißt Du inzwischen schon, dass Dein Partner mehr Zeit benötigt, um Deine Aussagen zu verarbeiten. Oder Du weißt, dass er manchmal nichts sagt – aus Angst, etwas Falsches zu sagen, das einen Konflikt auslösen könnte.
Dann schlägt Dein Gehirn Dir diese Bewertungen vor.
Möglicherweise schickt Dir Dein Gehirn aber auch ganz andere Bewertungen wie „Er antwortet mir absichtlich nicht!“ oder „Er möchte mir ganz einfach nicht antworten!“
Genauso kann auch Dein autistischer Partner Dein Verhalten völlig falsch interpretieren:
So wie beispielsweise in der folgenden Situation:
Du sitzt mit Deinem autistischen Partner beim gemeinsamen Abendessen, keiner sagt etwas. Ihr esst schweigend.
Du würdest Dich zwar eigentlich sehr gerne mit ihm über verschiedenste Themen unterhalten, aber in der Vergangenheit hat Dich das Aufrechterhalten des Gesprächs immer sehr viel Energie gekostet: Du musstest ständig Fragen stellen und hast nur einsilbige Antworten bekommen. Manchmal gar keine. Wenn Du etwas erzählt hast, kam nur wenig Reaktion zurück.
Irgendwann hast Du dann vielleicht resigniert aufgegeben und auch schweigend Dein Abendessen zu Dir genommen.
Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Dein autistischer Partner mittlerweile annimmt, dass das gemeinsame Schweigen beim Abendessen auch Deinen Präferenzen entspricht. Denn sonst würdest Du es ja anders gestalten!
Weil eure Gehirne Informationen so unterschiedlich verarbeiten, kann es also häufig zu falschen Bewertungen und damit auch zu Missverständnissen kommen.
Macht euch das immer wieder bewusst.
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Strategie #2: Fragt direkt nach, wenn ihr unsicher seid!
Die wirksamste Strategie, um eigene Bewertungen und Interpretationen in Bezug auf das Verhalten des Partners zu überprüfen, ist direkt nachzufragen.
Klingt einfach, ist in der Beziehungsrealität aber nicht immer ganz so einfach umzusetzen.
Diese Hinweise helfen, eine vermutlich nicht zutreffende Bewertung zu erkennen
Zunächst muss einem von euch beiden in der jeweiligen Situation überhaupt bewusst werden, also auffallen, dass ihr mit eurer Interpretation gerade falschliegen könntet.
Hinweise auf eine vermutlich unzutreffende Interpretation – und damit auf ein Missverständnis – können ganz unterschiedlicher Natur sein:
- Oft ist es ein unangenehmes Gefühl von Irritation, Kränkung oder Ärger, das bei einem von euch aufkommt.
- Manchmal auch ein nonverbales Kommunikationssignal des anderen, z. B. ein bestimmter Blick oder ein plötzliches Verstummen.
- Es kann auch ein bestimmter Kommentar des Partners sein
- oder die Tatsache, dass einer von beiden plötzlich die Situation verlässt.
Formulierungsvorschläge, um direkt nachzufragen
Es gibt dann zwei Möglichkeiten, nachzufragen:
Möglichkeit #1:
- Du beschreibst ganz objektiv, welche Geste, welche Worte bzw. welches Verhalten Du gerade bei Deinem Partner wahrgenommen hast.
Versuche, nur das zu beschreiben, was auch eine Kamera aufgezeichnet hätte. Dieser Trick hilft dabei, das tatsächliche Geschehen von der eigenen Bewertung (erst einmal) zu trennen.
„Du hast gerade gesagt/getan …“
- Du benennst Deine automatische Interpretation:
Welche Bewertung schlägt Dir Dein Gehirn dazu gerade automatisch vor?
„Mein Gehirn schlägt mir gerade folgende Interpretation vor: …“
- Du fragst nach, ob diese Interpretation richtig ist.
„Ist das richtig?“ / „Verstehe ich das richtig oder liegt hier ein Missverständnis vor?“
Möglichkeit #2:
Eine zweite, etwas kürzere Variante ist diese:
Du kannst den Gesichtsausdruck Deines autistischen Partners gerade überhaupt nicht sicher deuten? Dann frag nach!
„Ich kann Dich gerade nicht lesen … Was beschäftigt Dich gerade?“
Oder: „Ich kann Deinen Gesichtsausdruck nicht deuten. Was denkst Du gerade?“
Oder: „Ich habe gerade den Eindruck, Du bist sehr angespannt. Stimmt das?“
Du weißt nicht genau, warum Dein autistischer Partner gerade tut, was er tut?
„Ich weiß gerade nicht, was Du möchtest. Was ist Dein Ziel?“
Probiert gerne aus, welche Formulierungen sich für euch als Paar stimmig und möglichst natürlich anfühlen.
Aber behaltet gerne auch im Hinterkopf: Probiert man neue Formulierungsvorschläge aus, ist es ganz normal, dass sie sich anfangs etwas „künstlich“ anfühlen. Lasst euch davon nicht abhalten!
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Strategie #3: Gib Deinem autistischen Partner eine sachliche Rückmeldung zu seiner Lautstärke!
Hast Du manchmal den Eindruck, Dein autistischer Partner spricht viel zu laut oder schreit sogar?
Wenn Du bemerkst, dass er das tut (vermutlich, ohne es selbst zu bemerken), schreie bitte nicht zurück, mit der Absicht, ihm zu zeigen, wie laut er gerade spricht.
So wie Dich sein Schreien vermutlich automatisch in Alarmbereitschaft versetzt, wird es auch bei ihm sein. Er wird Dein Schreien vermutlich als Angriff sehen und Angst bekommen, somit wird automatisch sein Kampf- oder Fluchtreflex ausgelöst.
Sinnvolle und konstruktive Gespräche sind dann nicht mehr möglich.
Du könntest stattdessen in normaler Lautstärke die folgenden 4 Sätze sagen:
- „Ich habe den Eindruck, dass Du gerade schreist.
- Bezüglich der Lautstärke bist Du auf einer Skala von 1 bis 5 gerade bei 4.
- Kannst Du bitte mit einer 3 mit mir sprechen?
- Dann könnte ich Dir besser zuhören.“
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Strategie #4: Gib Deinem autistischen Partner eine Rückmeldung zu seinem Tonfall und frage nach!
In Deinen Ohren klingt der Tonfall Deines autistischen Partners gerade extrem unfreundlich, sarkastisch oder aggressiv? Du fühlst Dich damit sehr unwohl?
Gib ihm auch diesbezüglich eine Rückmeldung dazu, wie Du seinen Tonfall genau wahrnimmst. Es kann nämlich gut sein, dass er selbst die Unterschiede in seinem eigenen Tonfall gar nicht bemerkt.
Auch hier kannst Du in möglichst neutral-freundlichem Ton die 1-bis-5-Skala anwenden:
- „Ich nehme Deinen Tonfall gerade als sehr unfreundlich wahr.
- Bezüglich des Tonfalls bist Du auf einer Skala von 1 bis 5 gerade bei 5.
- Kannst Du bitte mit einer 2 mit mir sprechen?
- Dann könnte ich Dir besser zuhören.“
Es gibt auch noch eine andere Möglichkeit:
Wenn Dein Partner in der Vergangenheit bereits mehrfach die Rückmeldung bekommen hat, dass sein Tonfall unfreundlich, gleichgültig oder sarkastisch klingt, kann es sein, dass er gelernt hat, ihn im Rahmen von Masking zu überwachen und bewusst anzupassen. Da das auf Dauer sehr viel Energie erfordert und anstrengend ist, gelingt diese Anpassung mal besser und mal schlechter. Ist Dein Partner erschöpft, dann sind dieses permanente Monitoring und die bewusste Anpassung nicht mehr so stark oder gar nicht mehr möglich.
Wenn Dir also bezüglich des Tonfalls bei Deinem Partner etwas auffällt oder Dich irritiert, kann es ganz einfach sein, dass er sehr erschöpft ist und nicht mehr so stark maskieren kann.
Sein Tonfall sagt also nicht zwingend etwas über seinen emotionalen Zustand oder gar über seine Zuneigung zu Dir aus, sondern kann ganz einfach ein Hinweis auf Erschöpfung sein.
Du könntest Deinen persönlichen Eindruck über seinen Tonfall dann mit einer Nachfrage dazu kombinieren:
„Dein Tonfall klingt für mich gerade sehr unfreundlich und ich merke, dass mich das angespannt sein lässt. Bist Du gerade ärgerlich oder einfach nur erschöpft?“
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Strategie #5: Übersetze Deine eigenen nonverbalen Signale in verbale Kommunikation
Wenn Du in Deiner Beziehung in der Vergangenheit bereits häufiger die Erfahrung gemacht hast, dass Deine nonverbalen Botschaften von Deinem autistischen Partner nicht aufgegriffen wurden, Du Dir aber sehr wünschst, von ihm verstanden zu werden, kannst Du eines tun:
Du kannst üben, Deine nonverbalen Botschaften in verbale zu übersetzen.
Wie könnte das gelingen?
Schritt #1: Überlege einmal, welche Kommunikationssignale Du im Kontakt mit Deinem autistischen Partner besonders häufig nutzt.
- Schaust Du extra lange auf die Uhr, wenn Du in einem Gespräch, das bereits sehr lange andauert, das Interesse am Thema verlierst?
- Rutschst Du ganz nah an Deinen autistischen Partner heran, wenn ihr gemeinsam auf dem Sofa sitzt und Dir der Sinn nach körperlicher Nähe steht?
Schritt #2: Auf welches dahinterliegende Bedürfnis deutet dieses Verhalten hin? Welchen Wunsch möchtest Du damit eigentlich ausdrücken?
- Den Wunsch nach einem Themenwechsel oder einem interessanteren Gesprächsthema?
- Den Wunsch nach körperlicher Nähe?
Schritt #3: Mit welchen konkreten Worten könntest Du diesen Wunsch verbal äußern?
- „Wir sprechen jetzt schon sehr lange über dieses Thema. Ich möchte gerne jetzt über etwas anderes sprechen. Ist das möglich?“
- „Ich finde es sehr schön, mit Dir hier zu sitzen. Ich möchte Dir gerne körperlich nah sein. Darf ich Dich umarmen?“
Den meisten Menschen ist gar nicht bewusst, wie genau sie nonverbal kommunizieren, weil es so automatisiert passiert. Vielleicht geht es Dir auch so.
Neurotypische Menschen sind es gewohnt, insbesondere immer stärker werdenden Ärger, Langeweile, Bedarf an Unterstützung oder den Wunsch nach Nähe eher nicht direkt verbal, sondern vielmehr nonverbal auszudrücken.
Welche Wünsche drückst Du in Deiner Beziehung in der Regel eher nonverbal als verbal aus?
Um Deiner nonverbalen Kommunikation auf die Spur zu kommen, könntest Du Dir beispielsweise einen Tag lang Notizen dazu machen.
Immer wenn Du den Eindruck hast, dass Dein autistischer Partner auf eine Deiner Botschaften nicht oder nicht wie erwartet reagiert, kannst Du folgende Fragen für Dich durchgehen:
- Was genau wolltest Du kommunizieren?
- Wie hast Du das im Einzelnen kommuniziert?
- Welchen Anteil daran hatte Deine nonverbale Kommunikation?
- Wie könntest Du den nonverbalen Anteil in eine verbale Botschaft übersetzen?
Das hilft Deinem autistischen Partner, Dich besser zu verstehen.
In diesem Blogartikel hast Du nun 5 konkrete Strategien an die Hand bekommen, wie Du Missverständnisse, die durch unterschiedliche nonverbale Kommunikation mit Deinem autistischen Partner entstehen können, stark reduzieren kannst.
Du möchtest auch etwas über die 4 größten Unterschiede in der verbalen Kommunikation zwischen Dir und Deinem autistischen Partner erfahren? Dann schau Dir gerne diesen Blogartikel an:






